"Am Hungertuche nagen ..."

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VON FRIEDRICH-AUGUST SCHAEFER
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... diese Redewendung kennen wir, aber woher kommt sie?

Vor 1000 Jahren wurde es üblich, zwischen Gemeinde und Altar ein Tuch zu spannen. Während der 14-tägigen Vorbereitungszeit auf Ostern wurden Kreuze und Altäre dem Blick der Gläubigen verborgen. Die Gemeinde schloß sich in der Fastenzeit zum Zeichen der Buße von der sichtbaren Teilnahme an der Messe aus. Das geschah zunächst durch schlichte große Tücher, die den Altarraum verdeckten.
(Vergl. Erwin Mock, in: Arbeitsheft zum Misereor Hungertuch 2000.)

Später bekam das schlichte Tuch eine weitere Funktion: Man brachte darauf zur Belehrung der Gemeinde Bildmotive aus der Heilsgeschichte des Alten und Neuen Testamentes an. Diese reich bebilderten Hungertücher zeigten nun mehr als sie verbargen. Die des Lesens unkundigen Gemeindeglieder konnten die Geschichten von der Schöpfung bis zur Wiederkunft Christi wie eine Bilderpredigt verfolgen. Die einst in ganz Europa verbreiteten Fastentücher haben sich bis in unsere Zeit vor allem in Kärnten, Oberschwaben, teilweise auch in Westfalen und Sachsen erhalten.

Ein sehr anschauliches Beispiel ist das Große Zittauer Fastentuch von 1472 - www.zittauer-fastentuecher.de

Das katholische Hilfswerk Misereor hat 1976 den fast vergessenen Brauch der Hungertücher wieder aufgegriffen. Man knüpfte weniger an die Tradition der Verhüllung an, sondern an die katechetisch-didaktische Aufgabe der mittelalterlichen Tücher. Jetzt sollten die bildlichen Darstellungen der alten Fastentücher, die die biblische Geschichte nacherzählen, in einen aktuellen Kontext gestellt werden und die Christen zum Dienst am Mitmenschen einladen. Von engagierten Künstlern aus Afrika, Lateinamerika und Asien gemalt, sollten diese Tücher vom Leben und Glauben von Menschen aus fremden Kulturen erzählen und damit Anfragen an unser eigenes Christsein und unseren Lebensstil in Europa ermöglichen.
Die Künstlerinnen und Künstler verbinden ihre Erfahrungen mit Leid und Ungerechtigkeit mit der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu und nehmen den Betrachter hinein in ihren Kampf um Menschenwürde und Menschenrechte.

Hungertücher - evangelisch

In vielen evangelischen Gemeinden hat man an diese Tradition angeknüpft und hat vor allem Gemeindegruppen dazu motiviert, in der Passionszeit Tücher zu bemalen oder kreativ zu erstellen.  Oft werden dabei die Erfahrungen von Kindern oder Jugendlichen, manchmal auch Erwachsenen mit Armut, Gewalt, Einsamkeit, Ungerechtigkeit in den Kontext von biblischen Geschichten gestellt. Eine Suchbewegung, biblische Hoffnungsbilder auf die eigene Lebenswelt zu beziehen, wird erkennbar.
Ein Beispiel für ein solches Tuch aus dem evangelischen Bereich ist das Hamburger Hungertuch, das die Lebenswelt von Jugendlichen kontrastiert mit den Symbolen der in Hamburg ansässigen Weltreligionen (Judentum, Buddhismus, Hinduismus, Christentum und Islam) sowie säkularer Weltanschauungen (Sozialismus).
Deutlich wird, dass Orte der Armut auch Orte der Hoffnung sein können. Es wurde von einer Arbeitsgruppe (Universität Hamburg, Pädagogisch-Theologisches Institut Hamburg und Schule Holstenhof) zusammen mit dem Hamburger Künstler Sönke Nissen-Knaak entwickelt.

Bildbetrachtung und eigene Herstellung von Hungertüchern bieten die Chance, eigene Leiderfahrungen zu artikulieren, sie in den Kontext des Leidens Jesu zu stellen und Hoffnungsbilder zu entwerfen.

Informationen zum Hamburger Hungertuch :
Medienpaket des Pädagogisch- Theologischen Instituts Hamburg

Zum Herunterladen: Missio Austria

Zum Hamburger Hungertuch  finden Sie auch etwas in der Werksttatt KU/RU 71



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