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VON FRIEDRICH-AUGUST SCHAEFER
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... diese Redewendung kennen wir, aber
woher kommt sie?
Vor 1000 Jahren wurde es üblich, zwischen Gemeinde und Altar ein
Tuch zu spannen. Während der 14-tägigen Vorbereitungszeit auf
Ostern wurden Kreuze und Altäre dem Blick der Gläubigen
verborgen. Die Gemeinde schloß sich in der Fastenzeit zum Zeichen
der Buße von der sichtbaren Teilnahme an der Messe aus. Das
geschah zunächst durch schlichte große Tücher, die den
Altarraum verdeckten.
(Vergl. Erwin Mock, in: Arbeitsheft zum Misereor Hungertuch 2000.)
Später bekam das schlichte Tuch eine weitere Funktion: Man brachte
darauf zur Belehrung der Gemeinde Bildmotive aus der Heilsgeschichte
des Alten und Neuen Testamentes an. Diese reich bebilderten
Hungertücher zeigten nun mehr als sie verbargen. Die des Lesens
unkundigen Gemeindeglieder konnten die Geschichten von der
Schöpfung bis zur Wiederkunft Christi wie eine Bilderpredigt
verfolgen. Die einst in ganz Europa verbreiteten Fastentücher
haben sich bis in unsere Zeit vor allem in Kärnten, Oberschwaben,
teilweise auch in Westfalen und Sachsen erhalten.
Das katholische Hilfswerk Misereor
hat 1976 den fast vergessenen Brauch der Hungertücher wieder
aufgegriffen. Man knüpfte weniger an die Tradition der
Verhüllung an, sondern an die katechetisch-didaktische Aufgabe der
mittelalterlichen Tücher. Jetzt sollten die bildlichen
Darstellungen der alten Fastentücher, die die biblische Geschichte
nacherzählen, in einen aktuellen Kontext gestellt werden und die
Christen zum Dienst am Mitmenschen einladen. Von engagierten
Künstlern aus Afrika, Lateinamerika und Asien gemalt, sollten
diese Tücher vom Leben und Glauben von Menschen aus fremden
Kulturen erzählen und damit Anfragen an unser eigenes Christsein
und unseren Lebensstil in Europa ermöglichen.
Die Künstlerinnen und Künstler verbinden ihre Erfahrungen mit
Leid und Ungerechtigkeit mit der Erinnerung an das Leiden und Sterben
Jesu und nehmen den Betrachter hinein in ihren Kampf um
Menschenwürde und Menschenrechte.
Hungertücher - evangelisch
In vielen evangelischen Gemeinden hat man an diese Tradition
angeknüpft und hat vor allem Gemeindegruppen dazu motiviert, in
der Passionszeit Tücher zu bemalen oder kreativ zu
erstellen. Oft werden dabei die Erfahrungen von Kindern oder
Jugendlichen, manchmal auch Erwachsenen mit Armut, Gewalt, Einsamkeit,
Ungerechtigkeit in den Kontext von biblischen Geschichten gestellt.
Eine Suchbewegung, biblische Hoffnungsbilder auf die eigene Lebenswelt
zu beziehen, wird erkennbar.
Ein Beispiel für ein solches Tuch aus dem evangelischen Bereich
ist das Hamburger Hungertuch,
das die Lebenswelt von Jugendlichen kontrastiert mit den Symbolen der
in Hamburg ansässigen Weltreligionen (Judentum, Buddhismus,
Hinduismus, Christentum und Islam) sowie säkularer
Weltanschauungen (Sozialismus).
Deutlich wird, dass Orte der Armut auch Orte der Hoffnung sein
können. Es wurde von einer Arbeitsgruppe (Universität
Hamburg, Pädagogisch-Theologisches Institut Hamburg und Schule
Holstenhof) zusammen mit dem Hamburger Künstler Sönke
Nissen-Knaak entwickelt.
Bildbetrachtung und eigene Herstellung von
Hungertüchern bieten die Chance, eigene Leiderfahrungen zu
artikulieren, sie in den Kontext des Leidens Jesu zu stellen und
Hoffnungsbilder zu entwerfen.