Friedenserziehung in multikutureller Situation

Religionsunterricht in einer Berufsfachschulklasse Hauswirtschaft, kurz vor den Osterferien 1999. Der Luftkrieg der Nato gegen Serbien hatte begonnen. Gleich zu Beginn des Unterrichts werde ich gefragt, wie ich als Religionslehrer zu den Angriffen stehe. In der Klasse wurde darüber schon diskutiert. Ich halte mich erst einmal zurück und gebe die Frage in die Klasse zurück. Eine Kurdin meldet sich und formuliert ihre Ablehnung gegen die Angriffe. Ihre Begründung: Weil die Nato nichts gegen das schreiende Unrecht in ihrer Heimat tut, sind die Ziele, die Kosovaren vor den Angriffen der Serben zu schützen, nur vorgeschützt. Machtinteressen stehen im Hintergrund, die man ablehnen muß. Eine Kosovarin unterstützt diesen Standpunkt: Die Nato überfällt Jugoslavien. Die Angriffe entbehren jeglicher völkerrechtlichen Grundlage. Das, was im Kosovo geschieht, ist eine innere Angelegenheit Jugoslaviens. Einige deutsche Schüler protestieren. Ich verweise auf die Menschenrechte, darauf, dass kein Staat das Recht hat, gegen das eigene Staatsvolk unter den gegebenen Voraussetzungen so vorzugehen, wie es im Kosovo gerade geschieht. Die Kosovarin - sie lebt schon seit mehreren Jahren als Asylantin in Aurich - entgegnet: Das, was die Serben machen, ist zwar brutal, aber sie sieht im Kosovo keinen anderen Ausweg, die Probleme zu lösen. "Die Albaner wollen alles für sich". Sie sei deshalb schließlich hier in Deutschland. Ich merke, dass diese junge Frau zu einer Minderheit, wahrscheinlich zu den Sinti oder Roma zählend, vor albanischer Repression mit ihrer Familie geflohen sein muß. Die Kurdin unterstützt den Standpunkt der Kosovarin: Sie erzählt, dass das Haus ihrer Familie von türkischem Militär zerstört worden sei. Danach seien sie geflohen. Dort in Kurdistan greift die Nato nicht ein. Die deutschen Schüler schweigen und ich auch.

Nach dem Unterricht beschäftigt mich die Frage, wie kann man in einer solchen Situation, wo verschiedene kulturelle Prägungen und so spezielle Leidens- und Fluchterfahrungen in den Unterricht eingebracht werden, angemessen über den Krieg und dann vor allem über den Frieden reden?

Die deutschen Schüler waren im Unterrichtsgespräch von der Notwendigkeit der Luftschläge mehr oder weniger überzeugt. Das Unrecht, organisiert durch serbische Politik und ausgeführt durch das serbische Militär, muß gestoppt werden.

Ich kann auch nicht mehr so wie früher sagen, daß Krieg um Gottes Willen nicht sein darf. Diese Überzeugung ist beim Golfkrieg noch durchzuhalten gewesen. Aber die Kriege im ehemaligen Jugoslavien mit ihren Vergewaltigungen und ethnischen Säuberungen haben diese Überzeugungen erschüttert. Hier wurde nicht ein fremdes Heer bekämpft, ein fremdes Territorium besetzt, wobei auch Zivilisten umkamen. Nein diese Kriege richteten sich gegen Zivilisten - sogar die des eigenen Staatsvolkes - gegen deren Besitz, deren Identität und gegen deren Leben. Dies hat eine neue oder auch alte, elementare Qualität. Muß man da nicht eingreifen mit Gewalt, den Aggressor bändigen, damit Frieden wachsen kann, damit man nicht auch selbst schuldig wird? Krieg darf um Gottes Willen nicht sein, aber muß man ihn in diesem Zusammenhang nicht rechtfertigen? Dem Luftkrieg der Nato gegen Jugoslavien kann man zubilligen, daß er Unrecht abwehren, den Rechtsfrieden wieder herstellen will.

Aber was helfen diese Gedanken? Sie rechtfertigen Krieg, auch wenn er zum Frieden führen soll.

Und was hilft der Gedanke vom gerechtfertigten Krieg in der konkreten, multikulturellen Situation? Den Leidenserfahrungen der vor albanischer Bedrohung geflohenen Kosovarin helfen diese Gedanken nicht weiter. Ihre Erfahrungen und ihr Hass bleiben. Sie kann sich wie in einem feindlichen Land fühlen, was u.U. vorhandene Gefühle von Fremdenfeindlichkeit noch verstärkt. Der Kurdin mit ihrer Leidens- und Fluchterfahrung kann der Gedanke vom gerechtfertigten Krieg das vorhandene Aggressionspotential gegen die Türkei stärken. Die These, Frieden schaffen mit immer weniger Waffen, ist in multikulturellem Umfeld unangemessen. Die Kosovarin kann den Gedanken vom gerechtfertigten Krieg auch für sich gegen Nato und albanische Kosovaren in Anspruch nehmen. Ihre Leidens- und Fluchterfahrungen geben ihr das Recht dazu. Gleiches gilt auch für die Kurdin bzgl. der Türkei. Jeder hat sein Recht auf seiner Seite und kann damit Gewalt rechtfertigen.

Ich denke, gerade diese Leidenserfahrungen der Schüler bieten einen angemessenen Weg, über Wege zum Frieden zu reden, besonders in multikultureller Situation. Die Aggressionen der Kosovarin geben die Möglichkeit, den Gefühlen, Werten, Rechtsstandpunkte und Hoffnungen der "Gegenseite" zu begegnen und diese kennen zu lernen. Der Dialog über die Leidenserfahrungen eröffnet dem RU eine affektive Ebene, die dem Thema angemessen ist und ihn davor bewahrt, seltsam akademisch zu werden. Der Dialog gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, über die Feindbilder, die anerzogenen wie die eigenproduzierten, nachzudenken. Standpunkte werden relativiert.

Der Artikel von H.v.Hentig, "10 Thesen zur Friedenserziehung", ermutigen mich, bei den Leidens- und Fluchterfahrungen anzusetzen, wenn es im RU um Gewalt, Krieg und Frieden geht. In seiner ersten These schreibt er: "Erziehung zum Frieden ist Erziehung zur Empfindsamkeit....zum Leiden am Unrecht, an der Mißachtung, der Gleichgültigkeit, den Schmerzen und Ängsten, die andere und mir widerfahren, dass man den eigenen Standpunkt" verlassen lernt.

Ob H.v.Hentig mit dieser These die Bergpredigt oder das Liebesgebot des NT interpretiert, weiß ich nicht. Es gibt aber m.E. Parallelen. Wenn in der Bergpredigt um des Friedens willen dazu aufgefordert wird, nicht zu vergelten, sondern zu geben, "statt des Rocks auch noch den Mantel", statt einer Meile sogar zwei mit dem zu gehen, der Forderungen stellt, dann wird der Hörer an die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche eines Gegenübers verwiesen. Und wenn in Mt.7,12 empfohlen wird, das eigene Handeln anderen gegenüber an den Erwartungen zu orientieren, die man an anderen hat, wird deutlich, dass Frieden immer etwas mit gelungener Interaktion zu tun hat. RU zum Thema Frieden in einer multikulturellen Situation bei einem aktuellen Konflikt sollte versuchen, im Dialog diesen interaktiven Prozeß zu ermöglichen. Das verlangt allerdings ein hohes Maß an Empathie.

H.U.Wittwer

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