Einzeln behütet oder alles unter einem Hut?
 Kurz vor den Olympischen Spielen in Atlanta verkaufte McDonalds eine Mütze für 10,00 DM, das sog. Atlanta-Cap und nutzte damit die olympische Welle. Der Erfolg dieses Werbegags war wohl nicht sehr groß, denn in meiner Umgebung sah ich kaum jemanden, der die Kappe trug. Wahrscheinlich traf diese den Baseball-Caps nachempfundene Kappe nicht den Geschmack der Zeitgenossen. Bei meinen Schülern - unter ihnen Roller, Raper, Sprayer und Skater - sah ich andere Mützen. „Diese Atlanta-Caps sind Opa-Mützen", erklärte mir ein Schüler. Die Kappen, die „in" sind, sehen anders aus. Der Schirm leicht gerundet, die Augenpartien gut umrahmend, das Kopfteil gleichmäßig geschwungen, aus verschiedenfarbigen Teilen zusammengenäht, so sehen die Caps aus, die heute getragen werden, zumindest bei meinen Schülern. Über dem Schirm findet man dann die verschiedensten Embleme und Zeichen: Chicago Bulls, 49ner San Francisco, Red Bull oder auch das Nike-Signet. Die Zeichen, die schon seit längerem auf den T-Shirts zu sehen sind, finden sich also auch auf den Caps wieder. Hier wird nicht nur Werbung getragen, die Caps bedekken auch nicht nur den Kopf, um vor Kälte oder Sonne zu schützen. Diese Kappen sind sorgfältig ausgewählte Identifikationszeichen. Abgenommen werden sie im Unterricht nicht, nur abends wenn man ins Bett geht. Eine Schülerin: „Ich brauche mein Cap so wie eine Zigarette." So bewertet sind sie als Kleidungsstück Ausdruck von Individualität und von Autonomität. Den Schirm mal kühn nach hinten in den Nacken oder mal rechts bzw. links über dem Ohr aufgesetzt zeigen sie, 'ich bin ich und ich setzte die Kappe so auf, wie es mir gefällt'. Die Kappe betont das Ich, weist hin auf die Einmaligkeit des Trägers. Zugleich ist sie aber auch Zeichen der Identifikation. Die Träger scheinen sich mit der überpersonalen Größe wie die der Sport-Clubs oder Nobelmarken zu identifizieren. Dann bedeutet das für sie, ich gehöre dazu, ich bin ein Fan, ich bin 'in'. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, vielleicht sogar nach Konformität drückt sich dann darin aus. Die Kappen wie auch die T-Shirts sind Ausdruck von Individualität und Sehnsucht nach Zugehörigkeit zugleich. Junge Menschen wollen, müssen sich abgrenzen in ihrer Entwicklung, zugleich wollen sie aber auch behütet sein, unter der Hut einer Gruppe stehen. Nähe und Distanz, Sehnsucht nach Geborgenheit wie Einmaligkeit, Freiheit und Bindung kommen darin zum Ausdruck. Im Religionsunterricht auf ihre Caps angesprochen, reagierten meine Schüler solange aufgeschlossen und bereitwillig, wie sie mir ihre Caps vorführen und die Herkunft der Zeichen erklären konnten. Reservierter dagegen verhielten sie sich, als ich mit ihnen über die Symbolik ihrer Kappen nachdenken wollte. Ihre Caps wollten sie sich nicht „zerreden" lassen. Ich habe diese reservierte Haltung akzeptiert und mich zurückgehalten, hier etwas unterrichtlich zu verzwecken.
Hans-Ulrich Wittwer
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