Ein Psalmwort im Religionsunterricht einer 1. Klasse
„Behütet sein", „geborgen sein" - können diese Begriffe im
Religionsunterricht eines 1. Schuljahres zum Thema werden? Kann ich als
Religionslehrerin einer 1. Klasse es wagen, diese Begriffe so oder in ähnlicher
Form im Unterricht zu erarbeiten? Immerhin weiß ich, daß vielen
Kindern die Geborgenheit in einer Familie fehlt und sie oft ohne tägliche
Zuwendung, ohne Liebe und Aufmerksamkeit ihren Alltag erleben. Und trotzdem:
den Kindern ist aus Erzählungen im Anfangsunterricht
bekannt, daß Jesus sich Menschen in Not zuwendet, daß er im
Vertrauen auf Gott handelt und mit Gott spricht. Auch ohne religiöse
Erziehung in der Familie wissen die Kinder von Gott, daß er die Menschen
liebt und Jesus sein Sohn ist.
Ich wage mich an die Thematik heran, ermuntert
duch das Werkbuch 1/2 zum Unterrichtswerk „Oikoumene" von D. Steinwede
und K. Lüdke. Aber auch I. Baldermanns Buch „Wer hört mein Weinen"
läßt mich nicht los. Nach einer persönlichen, intensiven
Arbeit mit Psalmworten bleibt bei mir der Wunsch, diese auch sehr jungen
Kindern nahe zu bringen, um zu erleben, wie sie darauf reagieren, ob sie
sich angesprochen fühlen.
In dieser Unterrichtseinheit thematisiere
ich nicht die Geborgenheit in der Familie, sondern die Geborgenheit, die
erlebbar und erfahrbar wird im Vertrauen auf Gott. Ich will hier nicht
auf den Verlauf der Einheit eingehen, sondern nur einen kleinen Bericht
über die sehr beeindruckende Auseinandersetzung der Kinder mit dem
Psalmwort „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand
über mir" (Ps. 139,5) weitergeben.
Zu Beginn der Stunde steht das Psalmwort
groß an der Tafel. Einige Kinder können gegen Ende der 1. Klasse
ohne Probleme den Psalm lesen. Die Kinder spüren sofort, daß
es sich um einen Satz handelt, den ein Mensch zu Gott spricht, um ein Gebet.
Es bedarf keiner Erklärung, keinen
Anstoß meinerseits, um ins Gespräch zu kommen. Die Kinder erzählen
von Erlebnissen, von Situationen, in denen dieser Psalm hätte gebetet
werden können. Sie nennen Menschen, die ihnen nahe stehen, denen sie
wünschen, daß Gott sie schützend umgibt. Sie sprechen ganz
selbstverständlich und natürlich von sich und Gott.
In der anschließenden gestalterischen
Phase bekommen die Kinder ein Arbeitsblatt, auf dem das Psalmwort kreisförmig
aufgeschrieben ist. Jedem Kind fällt es leicht, etwas in den Kreis
zu malen. Mit Sicherheit wird manche Wunschvorstellung zu Papier gebracht.
Aber ist nicht auch der Wunsch nach Geborgenheit und Frieden ein kleiner
Schritt auf das Ziel zu?
Kirsten Lietzau
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