Wilhelm Gräb: " Lebensgeschichten - Lebensentwürfe - Sinndeutungen
Eine praktische Theologie gelebter Religion", Gütersloh, 1998

Angesprochen hat mich eigentlich der Titel: "Lebensgeschichten" - da geht es um die Geschichten von ganz normalen Menschen, wie du und ich. "Lebensentwürfe" - aha, etwas Vorläufiges, Unvollendetes! Und "Sinndeutungen" - die menschlich-allzumenschlichen Versuche, Sinn in seinem Leben zu entdecken, und zwar vielleicht nicht einen großen allumfassenden, sondern lieber ein oder zwei kleinere, bescheidene, liebenswerte alltägliche Sinnentdeckungen.

Das Buch des Bochumer Professors für Praktische Theologie Wilhelm Gräb umfasst drei Teile:
1. "Religion als lebensgeschichtliche Sinndeutung"
2. "Kirche für die Religion der Menschen"
3. "Kirche in der Praxis lebensgeschichtlicher Sinndeutungen".

Spannend für meine Praxis als Gemeindepastor fand ich dabei zunächst die Kapitel über die Interpretation des Gottesdienstes im 3. Teil. Zunächst geht Gräb darin interpretierend den heutigen "Ikonen der Werbung" nach. So lebt z.B. die gegenwärtige Werbung davon, dass sie längst nicht mehr nur über ein Produkt und seine Wirkungsweisen informiert, sondern vielmehr davon, dass sie dem Betrachter (und möglichen Käufer) spirituelle und symbolische Bedeutungen für sein Leben vermittelt. Die Marke "Nike" z.B. ist nicht nur ein einfacher Name für qualitativ hochwertige Turnschuhe. Sie ist vielmehr ein höherer Wert, ein Symbol, eine Ikone. Dabei sind die Werbeprotagonisten Michael Jordan und Charles Barkley die Hohenpriester. Und "Nike-Town" ist der Tempel eines religiösen Rausches. Die Religion und Kirche sollte vom modernen Marketing lernen, dass sie dem Menschen Räume für seine religiöse Selbstinszenierung anbieten muss, und dass sie seine Sehnsucht nach Freundschaft, Gemeinschaft, Liebe und Sicherheit mehr und mehr in den Vordergrund stellt. Ob z.B. die aktuellen Techno-Gottesdienste eine Lösung sind, lässt Gräb offen. Allerdings bieten sie das Gespräch über christliche Symbole wie Kreuz, Altar und Taufbecken an.

Im Religionsunterricht der Schule wie auch im Konfirmandenunterricht findet Gräb ebenfalls gute Anknüpfungspunkte für das Gespräch über religiöse Sinndeutungen. Allerdings steht bei beiden das Recht auf Subjektivität der Jugendlichen im Vordergrund. Medien wie z.B. Bibeltexte sind Sinnangebote, um sich am Ende immer selbst zu erfahren. Wichtigstes Thema im KU ist für Gräb die Aneignung der Taufe: äIch selbst, so wie ich in diesem meinem Leib bin, bin unbedingt gewollt - von Gott, dem Sinn des Ganzen, gewollt."

Michael Groothues
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