A R B E I T S S T E L L E  F Ü R
E V.  R E L I G I O N S P Ä D A G O G I K
O S T F R I E S L A N D
 WERKSTATT KU/RU

 Nr. 66         Thema: Behüten        Dezember 1997   
Literatur;    Herr, dein guter Segen ist wie ein großer Hut;    Chagall, Noah mit dem Regenborgen;    Psalmwort in Klasse 1;
Kollwitz, Die Mutter;     Barlach, Wanderer im Sturm;   Jugendkultur ...alles unter einem Hut;
Der "Neue" in der ARO;   Freundeskreis
 
"Aber dann stirbt es doch!"  
Etwa fünfmal hatte ich das Mädchen in der achten Klasse gebeten, sich mit Problemen des Islam statt mit seinem Tamagotchi zu beschäftigen: äKannst du das Ding bitte unter den Tisch oder in deine Tasche legen?"  
Es nützte nichts. Immer wieder war sie am Tippen und das blöde Ding piepste - nervtötend.   
Schließlich forderte ich - oh ich ahnungsloser - ziemlich streng: äGib mir das Ding, und ich lege es für diese Stunde auf meinen Tisch!"  
Das 14jährige Mädchen brach sofort in Tränen aus, als das elektronische Plastikteil in meine Hand wechselte:   
"Aber dann stirbt es doch!!"
Erschrocken war ich wegen ihrer Tränen, aber auch wegen dieser ungeahnt engen Beziehung.
Erschüttert war ich in meiner pädagogisierten Ablehnung von diesem äPlastikmist".
Mich treibt seither aber auch die Frage um: äWas bieten unsere Gesellschaft, unsere Schule und unsere Familien denn den Jugendlichen für Möglichkeiten, gute Gefühle zu entwickeln, sie zu fühlen und zu üben, wenn sich so etwas Schönes wie Fürsorge, Nähe und Sich-Verantwortlich-Fühlen an einem chip-gesteuerten Bauteil festhalten muß?"
Und was bedeutet das für diese Schülerin, daß sie für solche guten Gefühle auch noch belächelt oder bestraft wird, weil das Piepsen den Unterricht stört?
Oder nehme ich das Ganze nun doch zu ernst?
In diesen Wochen ist sie wieder überall zu sehen - die Ur-szene sozusagen.
Maria, Josef im Hintergrund und das Kind in der Krippe. Manchmal sieht das ziemlich schwülstig aus - soviel Harmonie! - aber wen hätte so ein Bild noch nie angerührt?
Diese Szene ist wohl deshalb durch die Jahrhunderte hindurch so unglaublich erfolgreich, weil es die Ursehnsucht in uns anspricht: äIch möchte behütet und geborgen sein".
Und so wird es - oft gegen alle Wirklichkeit - inszeniert, das Fest der Wärme und Liebe in der Familie.
Auch ich mag dieses Fest so: mit Nestwärme und Harmonie - geborgen in alten Liedern und zwischen den Menschen, die mir am sichersten sind.
äIch möchte, daß mich jemand ganz freundlich ansieht und mich beschützt." Viele Kinder und Jugendliche erleben dies auch, aber sie wissen ebenso genau, wie bedroht ihr Leben in Zukunft sein wird, und sie hören viel zu oft, daß es ihrer viel zu viele gibt, daß sie nicht gebraucht werden, und froh sein müssen, wenn sie einmal einen Arbeitsplatz bekommen werden.
Viele haben Angst, übrig zu sein - jetzt in der Gruppe und später auf dem gnadenlosen Arbeitsmarkt (vgl. Shell-Studie 'Jugend '97).
Kann die Schule ein Ort sein, wo Kinder erleben äich werde geschützt und behütet"?
Kann man in der Schule schützen und behüten üben, wie es die 14jährige mit ihrem Tamagotchi vielleicht tut, oder müssen wír froh sein, wenn angesichts von jugendlichen Schutzgeldbanden wenigstens alles einigermaßen ohne rohe Gewalt funktioniert?
Mehr und mehr Jugendliche meinen, sie müßten sich trotz vorweihnachtlicher Gefühle mit äButterflies" und Ninja-Sternen bewaffnen. Können wir ihnen dazu mehr geben, als moralische Mißbilligung, nämlich Ahnungen davon, wie es ist, wirklich behütet zu sein?
Probieren wir's - immer wieder.
Auf den nächsten Seiten haben wir ein paar Ideen dazu gesammelt.
Aber mit dem Behüten ist es ja so eine Sache. Immer entsteht dabei die Gefahr, den anderen in seiner eigenen Bewegungsfreiheit einzuschränken, ihn oder sie sozusagen mit den schützenden Fittichen zu Boden zu drücken.
Schon im zweiten Lebensjahr, so lehrt uns die Entwicklungspsychologie, kämpft das Kind - oft gegen die elterlichen Versuche, es zu behüten - um seine Autonomie, und es wird Schaden nehmen, wenn es das nicht darf. (vgl. z.B. Erikson, Kind u. Gesellsch.)
Aber immer wieder kommt das Kind (und auch der Erwachsene) zurück und vergewissert sich. äIhr seid doch für mich da, oder?"
Aber es führt kein Weg daran vorbei, ädaß ein Elternteil, und sei er so mächtig, wie eine Königin, die Entwicklung seines Kindes .. nicht gewährleisten kann. Um seine Persönlichkeit zu verwirklichen, muß das Kind die Schwierigkeiten seines Lebens selbst überwinden, es kann sich nicht darauf verlassen, daß Vater oder Mutter es ... schützen." (Bruno Bettelheim zur äGänsemagd" in äKinder brauchen Märchen" , S. 160)
Auch Jesus blieb ja nicht behütet in seiner Krippe liegen. Oft genug stieß er später seine Eltern vor den Kopf und ging seinen ganz eigenen Weg. Aber ohne je behütet gewesen zu sein, hätte wohl auch er uns nicht soviel Nähe, soviel Behütet-Werden durch Gott schenken können.
Gerhard Wittkugel
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Beate Leßmann. "Geborgen in guten Händen - Kinder begegnen dem Symbol 'Hand'"
Unterrichtsreihe für die 3. und 4. Jahrgangsstufe in äReligionsunterricht - Materialien und Entwürfe" XXIII
hrsg. von PTI, Bonn (Bad Godesberg)

Eine gründlich und praxisnah vorbereitete Unterrichtseinheit in 6 Stunden, die zunächst ausgeht von der Wahrnehmung, was unsere Hände alles tun können, um dann zu erleben, wie wir mit den Händen sprechen und uns gegenseitig Geborgenheit vermitteln können.
Aufgrund dieser ganzheitlichen Erfahrungen nehmen die SchülerInnen dann eine religiöse Deutung vor und stellen sich schließlich die Frage, ob nicht auch eigene Handlungen solche guten Hände sein können, die anderen Geborgenheit schenken.
Der Entwurf (ursprünglich eine Arbeit für das zweite Staatsexamen) bietet vielseitig und ansprechend aufbereitetes Unterrichtsmaterial und macht Lust zum eigenen Ausprobieren.
Die fundierte Einordnung des Entwurfs in die symboldidaktische Landschaft zwischen Halbfas, Biehl und auch Tillich ist zudem ein gutes Angebot für alle die, die sich mal ein wenig mit Symboldidaktik beschäftigen wollen, und bietet auch für äalte Häsinnen" auf diesem Gebiet manches Aha-Erlebnis.

Karl Gebauer: "Ich hab sie ja nur leicht gewürgt" - Mit Schulkindern über Gewalt reden.
Welche(r) Lehrer(in) hätte noch nicht über die Zunahme von Unkonzentriertheit und Gewalttätigkeiten in der Schule geklagt? Welche PädagogIn, die in Konfirmandenunterricht oder Schule versucht, einen guten Umgang in der Lerngruppe herbeizuführen und auch neue Erlebnisformen im Unterricht zu ermöglichen, hätte noch nicht darunter gelitten, daß ein wilder Streit die schön vorbereitete Phantasiereise oder die gefühlvolle Körperübung einfach kaputt gemacht hat?
Karl Gebauer, langjähriger Schulleiter der Leineber-(Versuchs-)Schule in Göttingen und Vortragsreisender in Sachen praktische Pädagogik, hat keine Patentrezepte, aber doch sehr konkrete Angebote für die Unterrichtenden, mit Kindern auf lösende Weise über Gewalt und Aggression zu reden.
Gebauer rät zu einer äDreispur-pädagogik", die neben der Sachspur auch die äBeziehungsspur" und die äSelbstspur" ernst nehmen soll. Diese Verbreiterung, die m.E. deutliche Anklänge an die TZI-Konzepte enthält (das themenzentrierte Dreieck äIch - Interaktion - Thema" steht dem Konzept recht nahe), führt Gebauer zu konkreten und durchführbaren Regeln für das Reden mit Kindern über deren eigene streitvolle Auseinandersetzungen:
Ausgangpunkt ist konkretes Geschehen.
Das Gespräch findet sofort nach der Auseinandersetzung statt, nicht im Plenum, sondern nur mit den Beteiligten. Die anderen Schüler arbeiten.
Wut, Angst, Verletzung der Kinder werden in ihrem Ausmaß symbolisch sichtbar gemacht ("Mal in diesen Becher: Wie groß ist dein Ärger?").
Die Zukunft wird gleich mit in den Blick genommen ("Was erwartet ihr voneinander, wie kann das bewerkstelligt werden?").
Es wird nicht moralisch belehrt oder bewertet.

Gebauer leistet mit diesem Buch einen lesenswerten Beitrag zum Thema äBehütet-Sein" in der Schule, nicht nur weil er gangbare Wege für den Umgang mit alltäglichen Gewalterfahrungen aufzeigt, sondern weil es so wesentlich in seinen Ansatz gehört, daß die Kinder nicht nur mit ihren Verletzungen, sondern auch mit ihren aggressiven Anteilen ernstgenommen und angenommen werden.

Gerhard Wittkugel
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