Kinder und Gott

© Walter Faerber

Vor der Predigt war eine Theaterszene zu sehen, in der ein Mädchen seine Eltern in ziemliche Verlegenheit brachte, als es sie nach Gott fragte.
 

Mt 18,1-5

1 Um diese Zeit kamen die Jünger zu Jesus und fragten ihn: »Wer ist in der neuen Welt Gottes der Größte?« 2 Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte 3 und sagte: »Ich versichere euch: Wenn ihr euch nicht ändert und den Kindern gleich werdet, dann könnt ihr in Gottes neue Welt überhaupt nicht hineinkommen.
4 Wer es auf sich nimmt, vor den Menschen so klein und unbedeutend dazustehen wie dieses Kind, der ist in der neuen Welt Gottes der Größte. 5 Und wer einen solchen Menschen in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.«

Lk 18,15-17

15 Einige Leute wollten auch ihre kleinen Kinder zu Jesus bringen, damit er sie berühre. Als die Jünger es sahen, fuhren sie die Leute an und wollten sie wegschicken. 16 Doch Jesus rief die Kinder zu sich und sagte: »Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht, denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen. 17 Ich versichere euch: Wer sich Gottes neue Welt nicht schenken läßt wie ein Kind, wird niemals hineinkommen.«


Kinder können unkomplizierter über Gott nachdenken als Erwachsene. Sie kennen noch nicht die ganzen Regeln, worüber man lieber nicht spricht. Deswegen bringen Kinder ja auch bei anderen Gelegenheiten die Erwachsenen in Verlegenheit, wenn sie sich in aller Öffentlichkeit nach den dritten Zähnen von Tante Frieda erkundigen, oder nach dem Geld, das ein Besucher verdient, oder wenn sie über ein Familienmitglied reden, über das alle anderen im Augenblick lieber schweigen möchten. Kinder verstehen die Regeln noch nicht, welche Wahrheiten man wann besser verschweigt.

Erwachsene haben sich auf einige Themen geeinigt, über die man lieber nicht oder nur unter sehr guten Freunden spricht. Geld gehört dazu, Sexualität, manchmal Politik und Religion, jedenfalls dann, wenn es nicht mehr allgemein um Religionen in der Welt geht, sondern um die persönlichen Überzeugungen.

Und jedes Mal, wenn Erwachsene so ein Thema aus ihrer Mitte verbannen, geht es um eine gewisse Unsicherheit, wohin das führen könnte: es könnte Streit geben, es könnte jemand in einem schwierigen Licht dastehen, und es könnte auch deutlich werden, dass jemand in der Sache selbst ganz widersprüchlich ist. Also wechseln wir lieber das Thema.

Jesus spricht zweimal im Evangelium über Kinder, und jedes Mal fällt dabei ein wichtiger Satz: »Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.« Das heißt nicht, dass die Erwachsenen verleugnen sollen, was sie inzwischen alles erlebt und gelernt haben auf ihrem Lebensweg, es heißt auch nicht, dass sie kindisch werden sollten. Aber Jesus entdeckt im Verhalten und Denken von Kindern etwas, was den Erwachsenen fehlt. Das haben sie im Laufe des Erwachsenwerdens verlernt, und jetzt würden sie es brauchen, um zu Gott zu finden. Und sie können es von den Kindern lernen.

Deshalb stellt Jesus ein Kind in die Mitte der Jünger und sagt: da, schaut es euch an! Das muss man offenbar sehen, um es zu verstehen. Das kann auch Jesus nicht mit Worten allein ausdrücken, weil es ein ganzer Lebensstil ist. Er sagt: schaut die Kinder an, ihre ganze Art, merkt ihr, was da rüberkommt?

Man muss sich klarmachen, dass damals die Wirklichkeit der Kinder viel weniger wahrgenommen wurde als heute. Das hat eben auch mit Jesus zu tun, dass wir inzwischen einen etwas besseren Blick haben für den Reichtum, der in einem Kind wohnt. Dass Großeltern Bilder von ihren Enkeln an der Wand hängen haben und sie jedem stolz zeigen, egal, ob er sie sehen will oder nicht. Wir haben auch dank dieser Worte Jesu gelernt, Kinder nicht nur als zukünftige Erwachsene zu sehen, sondern ebenso in ihrer besonderen Eigenart, und wir sind nicht mehr ganz so verschlossen gegenüber der Lebensfreude, der Spontaneität und der Freude, die ein Kind ausstrahlen kann.

Und es ist für uns sehr wichtig, diesen Zugang zu haben, weil wir sonst nämlich auch in uns selbst den Zugang verlieren zur unbefangenen Freude, und zu unseren Gefühlen überhaupt. Kinder erleben die Dinge ja viel stärker, sie sind dem Leben auch direkter ausgesetzt, sie haben noch nicht die ganzen Schutzeinrichtungen entwickelt, mit denen wir Erwachsenen uns natürlich auch vor Schmerzen schützen. Und deswegen hängt unsere Fähigkeit zum Erleben und zum intensiven Fühlen davon ab, dass wir einen guten Zugang haben zu dem Kind, das wir einmal waren, und das wir immer noch in uns tragen.

Das Kind, das wir einmal waren, begleitet uns ein Leben lang. In uns stecken ein Leben lang die kindlichen Ängste vor Schmerzen und vor der unberechenbaren Welt, und manchmal meldet sich das alles wieder. Und dann müssen wir diesem Kind in uns gut zureden und es trösten, so wie es früher von den Eltern getröstet worden ist, wenn die Zähne kamen und die Schmerzen so schlimm waren.

In uns steckt aber auch die Fähigkeit zur intensiven Freude, zum Vertrauen und zur Spontaneität, all das, was eben auch zu dem Kind gehört, das wir mal waren. Und das sind bis heute die Quellen unserer Lebensfreude. Dieses intensive Lebendigsein, diese Energie der Kinder, die Eltern manchmal zur Verzweiflung bringen kann, das ist ein Leben lang unsere Kraftquelle, und wohl dem, der sie leicht und schnell anzapfen kann.

Natürlich soll man Kinder nicht idealisieren. Gerade weil Kinder nicht übersehen, was sie mit ihren Impulsen anrichten, deshalb können sie zu anderen auch ziemlich grausam sein. Und wenn Erwachsene jedem Wunsch ihres inneren Kindes nachgeben, dann werden sie ziemlich anstrengende Zeitgenossen. Aber es bleibt doch dieser starke Impuls von intensivem Leben und Erleben, dieser Eindruck, dass ein Kind voll präsent ist bei allem, was es tut. Das ist unser bleibendes Erbe aus der Kindheit.

Diesem Gesamteindruck hat Jesus seine Jünger ausgesetzt, als er ein Kind in ihre Mitte stellte. Woran die Erwachsenen Tag für Tag vorbeigingen, ohne ihm Beachtung zu schenken, das stellte Jesus ins Zentrum der Aufmerksamkeit und sagte: schaut es an! Was ruft diese Kind in euch hervor? Woran erinnert es euch?

Vielleicht gehört tatsächlich zu den bemerkenswerten Kennzeichen von Kindern ihre Fähigkeit, ganz so zu sein, wie sie sind. Kinder können nicht gleichzeitig mit zwei verschiedenen Wahrheiten leben. Wir Erwachsene haben das alle gelernt, dass man von Tante Friedas neuen Zähnen zwar weiß, aber man redet nicht drüber, selbst wenn es einen brennend interessieren würde.

Kinder können das nicht. Wenn ihnen eine Sache wichtig ist, dann reden sie auch darüber. Erst im Laufe der Zeit lernen sie mühsam, bestimmte Dinge nicht auszusprechen. Manchmal lernen sie das auch schon zu früh, vor allem, wenn es in der Familie viele Dinge gibt, die nicht ausgesprochen werden dürfen.

Und so ist leider auch die Anna in der Szene vorhin am Anfang des Weges, auf dem sie irgendwann begreift: über Gott spricht man lieber nicht, dann gibt es so komische Reaktionen. Und vielleicht wird sie dann auch eines Tages wie ihr Vater sagen müssen: das Thema habe ich irgendwie übersprungen.

Und natürlich brauchen Kinder das, dass es Erwachsene gibt, die ihnen dabei helfen, Gott zu verstehen und die richtigen Worte zu finden. Anna sagt ja selbst: ich weiß über ihn nicht Bescheid. Da liegt ein weites Land vor ihr und sie hat keine Landkarte dafür. Aber jemand sollte ihr schon erklären, wie man mit Gott redet und was es überhaupt damit auf sich hat. Wir geben unseren Kindern so etwas Wichtiges und Wertvolles mit, wenn wir ihnen helfen, Worte für Gott zu finden und die Tür für ihn aufzuhalten. Das kann man natürlich auch später noch lernen, aber wie bei allen Dingen ist es auch bei der Vertrautheit mit Gott viel leichter, wenn man das früh lernt.

Wir würden ja wahrscheinlich auch nicht sagen: also, die Intelligenz meines Kindes werde ich später mal fördern, wenn es so groß ist, dass es sich entscheiden kann, ob es klug sein will. Und die soziale Einstellung meines Kindes, dafür mache ich jetzt lieber noch nichts, es soll sich ja später mal frei entscheiden können, ob es nicht doch lieber Egoist werden will. Nein, wir können Kinder nicht neutral erziehen, auf keinem Gebiet, und auch im Glauben geht das nicht. Ob sie dann dann in unsere Fußstapfen treten oder es lieber ganz anders machen, das wird sich eines Tages herausstellen. Aber neutral erziehen können und sollen wir nicht.

Und gerade bei Gott ist es wichtig, dass Kinder etwas anderes mitbekommen als so ein Gefühl: o, schwierig, da werden die Erwachsenen unsicher. Kinder brauchen Gott, damit damit sie einen Beistand haben für ihre Lebendigkeit und Ehrlichkeit.

Als Kinder und teilweise auch noch als Jugendliche und junge Erwachsene haben wir einen freien Zugang zu unserem Herzen, zu unseren Träumen und Sehnsüchten. Wir denken Gedanken und fühlen Gefühle, ohne darüber nachzudenken, was andere dazu sagen könnten. Aber wenn wir sie unbefangen aussprechen, dann hören wir Sätze wie »Das ist falsch«, »so kannst du doch nicht über XY reden«, »Das geht nicht«. Das sagen Eltern, Lehrer und Chefs. Und die Freunde sagen: »der redet ja wie ein Baby. Vielleicht spielt er heimlich noch in der Sandkiste«. Manchmal ist die Reaktion auch nur ein vorwurfsvolles Schweigen. Und unser kleines Herz fürchtet sich vor nichts so sehr wie vor Ablehnung. Und es ist in einem Dilemma: Lügen kann es nicht, abgelehnt werden will es nicht. Was macht es also? Es verstummt. Die Stimme des Herzens wird leiser und hört schließlich ganz auf. Es teilt seine Regungen und Gefühle nicht mehr mit. Nur noch indirekt meldet es sich: mit Herzklopfen oder mit Herzschmerzen, irgendwann später vielleicht, wenn es kaum noch Luft bekommt, auch mal mit einem Herzinfarkt.

Und wir selbst verschließen unsere Ohren vor dem, was uns unser Herz sagen möchte. Wir hören nicht mehr auf unsere innersten Träume und Wünsche, und irgendwann glauben wir, wir hätten gar keine. Und am Ende tun wir nur noch das, was andere uns sagen, weil wir nicht wissen was unser eigenes Herz will.

Verstehen Sie, wie nötig unser Herz Gott braucht, als Verbündeten für unsere Träume und Sehnsüchte? Als jemanden, der zuhört, dem wir alles sagen können, der nichts mit einem Tabu belegt, sondern der sich alles anhört und genauso ehrlich ist wie unser Herz. Auch Gott findet nicht alles richtig, was wir denken, aber er unterdrückt und tabuisiert nicht, er kann es aushalten, Dinge zu hören, die nicht korrekt sind.

Und er lacht uns nicht aus. Wieviel Angst hat man gerade im Alter zwischen 10 und 20 davor, ausgelacht zu werden. Aber Gott ist jemand, bei dem man überhaupt keine Angst davor haben muss, das er uns lächerlich findet. Gott ist ein sicherer Ort für unser Herz. Er ist ein Vertrauter, dem man alles sagen kann. Er wird es nicht weitererzählen, aber er wird Wege finden, uns zu antworten.

So jemanden braucht unser Herz, damit es nicht verstummt. Damit uns nicht unsere Lebendigkeit verloren geht und wir am Ende resignierte Erwachsene werden, die sagen: »wenn ich erst in Rente bin, dann fängt das Leben an«. Aber so funktioniert das nicht. Wir können nicht wirklich leben ohne die Stimme unseres Herzens, und wenn es verstummt ist, dann verstummt auch das Lachen.

Die gute Nachricht ist: niemand ist zu alt, um sein Herz wiederzuentdecken. Gott ist der Freund unseres Herzens, und wenn wir zu ihm sprechen, dann wird er auch unser Herz wiederbeleben. Die bessere Nachricht ist aber: niemand muss sein Herz erst verstummen lassen. Es kann ein ganzes Leben lang mit seiner fröhlichen und starken Stimme sprechen. Deswegen sollen wir unseren Kindern helfen, einen Zugang zu Gott zu finden, damit sie einen Verbündeten haben für ihr Herz, für ihre Lebendigkeit und ihre Freude. Sie brauchen für ihr Herz Nahrung, und vor dem Fernseher werden sie chronisch unterernährt.

Sie brauchen aber auch einen Verbündeten für ihre Ehrlichkeit, damit sie sich von niemandem einreden lassen, was sie in Wirklichkeit fühlen oder fühlen sollten. Und sie brauchen die Bilder der Bibel, die Bilder von Jesus, von David, der den großen Goliath besiegt, die Bilder vom Paradies, wo Menschen und Tiere in Vertrautheit zusammenleben. Sie brauchen Gott, den Freund unseres Herzens, damit sie einmal starke und fröhliche Erwachsene werden und von niemandem unterdrückt oder manipuliert werden können.


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